Die Predigt vom letzten Sonntag

gesprochen von Pfarrerin Pakull

Gnade sei mit euch …

… liebe Gemeinde, an diesem 9. Sonntag nach Trinitatis,

 

Jeremia schreibt (1, 4 - 10):

Und des Herrn Wort geschah zu mir: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“

Ich aber sprach: „Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“

Der Herr sprach aber zu mir: „Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.“

Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

zurück zur Eingangsseite ... 

Liebe Gemeinde

ein ganzes Buch der Bibel trägt seinen Namen. Er muss also jemand wichtiges gewesen sein: Jeremia. Was von ihm in diesem Buch erzählt wird, erinnert an Mose. Gleich zu Beginn werden die politischen Hintergründe genannt, die Könige, die in Juda regieren, die in Jerusalem herrschen, während Jeremia dort redet. Das ist nämlich seine Aufgabe – er ist ein Prophet.

Mose musste damals zum Pharao, dem König von Ägypten. Das war ihm nicht geheuer, er versuchte, sich rauszureden. Jeremia bekommt auch politische Aufträge. Und er bringt ein Argument vor: Ich bin zu jung!

In beiden Fällen, bei Mose wie bei Jeremia, hört Gott sich zwar die Einwände an. Aber er lässt sie nicht stehen. Er nimmt sie ernst und ändert dann ihre Bedeutung. „Du kannst das trotzdem.“ heißt seine Antwort. Gott hat nicht aus Versehen berufen. Er will genau diesen Menschen für diese Aufgabe.

Liebe Gemeinde, ich bin eigentlich ganz erleichtert, dass es hier um vergangene Zeiten geht. Und dass Jeremias Berufung vielleicht mit der des Mose zu vergleichen ist.

Aber wer von uns hat so eine handgreifliche Nähe Gottes erfahren?

Letzte Woche wurde der Blinde geheilt, als Jesus ihm einen Brei aus Spucke und Erde auf die Augen schmierte. Jetzt ist davon die Rede, dass Gott den Mund des Jeremia berührt, um seine Worte hineinzulegen. In beiden Fällen gelten keinerlei Abstandsregeln!

Das ist eine seltsame Vorstellung: Gott geht mir so nahe wie es einem Menschen nicht einfallen würde. Es sei denn, es ist mein Kind oder mein Liebespartner. Wenn ich solche Bibeltexte lese, staune ich über die Unbefangenheit vergangener Zeiten, Gottes Nähe so körperlich zu beschreiben. Gott hat uns eben mit einem Körper geschaffen, das macht uns aus. Und das macht eine ganze Menge mit uns.

Gibt es in unserer Zeit auch Berufungen?

Möglicherweise. Manche setzen sich mit Leibeskräften für eine Aufgabe ein, einige für die Kirchenmusik, für die Gottesdienste, für das Gemeindeleben, für die Gotteshäuser. Sie haben nicht erst in der Zeit des Verbotes gemerkt, wie sehr ihnen die Kirche und die Gemeinde am Herzen liegen. Und hoffentlich auch, wie viel Stärke im Glauben steckt. Wie über die Entfernung hinweg das Gebet verbindet. Wie der Segen wirkt, auch übertragen durch technische Geräte. Möge diese Erfahrung uns weiter begleiten.

Gucken wir noch mal auf Jeremia.

Jeremias Schicksal ist in der biblischen Überlieferung etwas ganz Besonderes. Er macht ernst mit seiner Berufung. Dabei hätte er sich was anderes gewünscht. Er muss schimpfen und drohen. Das bringt ihm Feinde, die ihn wiederum anklagen. Es geht dabei um das Volk, das er liebt. Aber die Menschen haben Gott vergessen. Sie haben sich andere Götter gesucht. Und das geht gar nicht!

 

Jetzt wird es für mich aktuell. Welche Götter gelten in unserer Gesellschaft etwas? Wem opfert wer was?

Die Wochen der Kontaktsperre haben nicht gereicht für ein echtes Umdenken. Wir bräuchten einen wie Jeremia, der warnt und droht und Unheil ansagt. Dann könnte sich vielleicht doch etwas ändern.

Haben wir nicht schon solche Leute? Die vor der Klimaerwärmung warnen, mit Bildern und Tabellen und ganz viel Wissenschaft. Es geht ihnen wie Jeremia: Sie finden nicht genug Gehör. Manchmal ernten sie statt dessen Hohn und Spott.

 

Wenn mal etwas so richtig schief läuft – wie bei der Lagerung von explosiven Stoffen in Beirut – werden Schuldige gesucht. Das ist bestimmt sinnvoll. Hoffentlich sind es auch die Hinterleute, die zur Rechenschaft gezogen werden.

 

Wenn es so richtig schief läuft mit der Klimaerwärmung, dann ist ja jetzt schon klar, wer verantwortlich sein wird: Die Menschen. Und dann wird es zu spät sein.

Propheten wir Jeremia sind Spielverderber. Die gönnen den Leuten nicht ihre Ruhe. Sie wollen, dass sich was tut. Sie fordern ein Umdenken. Das macht meistens keinen Spaß. Deshalb sagt Jeremia auch, er wäre zu jung für den ganzen Ärger.  Wer hört schon auf einen jungen Menschen, fast noch ein Kind?

 

Es ist durchaus möglich, dass Gott auch heute Propheten und Prophetinnen sucht und findet. Wenn wir ihm das nicht mehr zutrauen, was denn dann? Wir als Menschen können nicht sehen, welche Qualifikationen dafür nötig sind. Welche Gaben eingesetzt werden müssen, wo der Schatz im Acker oder der Hase im Pfeffer liegt. An Jeremias Berufung sehe ich: Niemand, erst recht nicht er selbst, hätte ausgerechnet ihn zum Sprachrohr Gottes gemacht. Und genau das tut Gott.

Rechnen wir in unserem Leben damit, einem Propheten oder einer Prophetin zu begegnen. Dann heißt es: Augen und Ohren auf, genau hinhören und hinsehen!

Was sie wohl sagen würden, darüber können wir gerne in eine Diskussion kommen. Es ginge bestimmt um heikle Themen, um den Alltag und die Verantwortung, davon gehe ich aus.

Rechnen wir also in unserem Leben mit einer direkten Aufgabe, die Gott uns zuteilt. Sage nicht, du bist zu wenig qualifiziert. Denke nicht, du bist zu alt oder zu jung. Es ist alles möglich, wenn der Schöpfer deines Lebens mit dir einen Plan hat.

Amen. Und der Friede Gottes …