Die Predigt vom letzten Sonntag

gesprochen von Pfarrerin Pakull

Liebe Gemeinde am 18.10.2020 in der Pankratiuskirche,

„Bleiben Sie gesund!“ rufen die Menschen seit dem Frühling einander zu. Und jetzt geht es an diesem Sonntag um die Heilung des Gelähmten, den die Freunde nicht im Stich lassen. Jesus schenkt ihm viel mehr als die Lauffähigkeit, nämlich die Vergebung der Sünden.

Da schließt sich der Epheserbrief an. Und entfaltet einen Schnittmusterbogen mit großen Schwüngen. Wie geht es weiter für den Geheilten? Gibt es Spätfolgen?

Ja, aber sehr positive. Dazu später mehr. Erst mal zu dem Satz: „zieht den neuen Menschen an!“

Wir gehen in Gedanken zur Modenschau. Das passt zum Herbst, wo die Übergangsjacke und die dicke Winterjacke raus gekramt werden. Es ist ganz schön frisch geworden. Hat vielleicht auch jemand einen Kamelhaarmantel im Schrank? Über solche und andere Kleidungsstücke findet die Autorin Elke Heidenreich in ihrem neuen gleichnamigen Buch passende Worte ... 

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"Ich habe lange gebraucht, um bei Kleidern eine Art eigenen Stil zu finden, einfach, klar, keine Rüschen, keine Schleifen, keine weiten Röcke. Ich erinnere mich an den ersten und ich glaube auch einzigen Auftritt von Jil Sander in einer Talkshow, die ich moderierte, es muss Anfang der 80er Jahre gewesen sein. Sie war sehr schüchtern, sehr freundlich, und sie hatte einen goldenen Hosenanzug mitgebracht, den sie entworfen hatte. Ich sollte ihn in der Sendung tragen. Sie kleidete mich sorgfältig, Bluse, Gürtel, dann seufzte sie und sagte: »Für Sie geht das nicht. Ziehen Sie das wieder aus, das sind Sie nicht.« Und ich zog meine Jeans und den einfachen Blazer wieder an, und in der Sendung zeigten wir den goldenen ohne mich darin auf einem Bügel." *

 

Liebe Gemeinde, „Das sind Sie nicht!“ sagt die Designerin zur Moderatorin. Und meint damit den extra entworfenen Hosenanzug.

„Das bist du nicht!“ Sagt der Epheserbrief zu dir und mir. Du bist nicht die Lügnerin und Diebin und Verleumderin. Bitterkeit, Grimm, Zorn, Geschrei, Lästerung und Bosheit, das passt nicht zu dir, das passt dir nicht.

Nein, dir steht viel besser Wahrheit und Teilen und freundliches Reden und Vergebung.

Für mich klingt das verlockend. Was fördert die Anprobe dieses neuen Menschen? Da gibt es im Epheserbrief Hinweise. Sogar um den richtigen Zeitpunkt geht es da.

„Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel.“ Was für ein Ratschlag, wenn die Tage kürzer werden. Wie nah an dem, was bis heute Menschen umtreibt. Es wäre eine ganze Menge mehr Frieden möglich, wenn aller Zorn des Tages am Abend verrauchte mit den Kaminen um die Wette. Manchmal passiert es im Eifer des Gefechts, da kommt schon mal Zorn auf. Einiges ist nachvollziehbar. Die Empfindlichkeiten sind da sehr unterschiedlich, je nach Lebenssituation. Was die eine auf die Palme bringt, lässt den anderen komplett kalt. Und umgekehrt. In der Werbung für einen Schokoriegel konnte ich darüber lachen: Wenn du hungrig bist, bist du nicht du selbst.

Wenn du zornig bist, bist du nicht du selbst, sagt der Epheserbrief. Deshalb komm einfach jeden Abend wieder zu dir. Die Sonne wird untergehen, auch an einem trüben Herbsttag siehst du es. Das soll dein Erinnerungszeichen sein: Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen. Probier es einfach aus. Beziehungsweise an. Zieh den neuen Menschen an.

Es gibt nämlich maßgeschneidertes für Christinnen und Christen, die von der Vergebung leben.

Was für eine schöne neue Welt könnte es sein ohne Virus der Bosheit und Bitterkeit?

Voller – im übertragenen Sinne – hübsch gekleideter Christinnen und Christen. Wenn das gut ankommt, dann macht das Schule bzw Mode. Lasst uns Influencer sein, andere anstiften, auch mal die neue Kleidung anzuprobieren. Der Schnittmusterbogen des Epheserbriefes umreißt die Formen. Nachzeichnen muss jede und jeder selbst, und gucken was passt.

Dir steht es gut zu Gesicht, wenn du arbeitest und so viel Geld verdienst, dass du davon abgeben kannst, wenn einer etwas braucht.

Kann sein, dass genau dieses Kleidungsstück kneift. Für die, deren Arbeit nicht für den eigenen Lebensunterhalt reicht, für alle mit Existenzsorgen. Da passt die Idee des Epheserbriefes nicht. Wer gerade von GaleriaKaufhof in die Arbeitslosigkeit entlassen wurde, wird sich das nicht anziehen. Wer als Künstlerin oder Künstler nicht weiß, wie es weitergeht, braucht definitiv was anderes. Und darf sich diesen Satz nicht überstülpen lassen. Das ist das Spannende am Christsein. Es ist nie fertig. Es gibt nicht die Patentlösung, kein Patentmuster, hin und wieder muss man ganz was Neues stricken.

Es gibt allerdings auch Menschen, denen dieser Satz gut steht. Die gerne arbeiten und gerne teilen.

Dir passt es ausgezeichnet, wenn du über jedes deiner Worte nachdenkst, ob es den anderen gut tut.

Auch hier ist es wie bei einem Reißverschluss. Manchmal greift eins ins andere und schon hakt es. Wie wichtig Worte sind, kann gar nicht oft genug erwähnt werden. Worte sind extrem entscheidend, gerade wenn menschliche Nähe so selten bleibt, wenn Telefon, Brief, Mail und Nachricht den Besuch ersetzen. Wer sich diesen Schuh anzieht, kann damit weit kommen. Wie ein Laufschuh oder einer zum Bergwandern, tragen freundliche Worte über weite Strecken und Entfernungen hinweg.

Dich kleidet es wunderbar, wenn du freundlich und herzlich mit den anderen umgehst. Mögen die anderen, denen du freundlich begegnest, sich wie ein Spiegelbild an dir orientieren!

Ich stelle mir das auch bei dem Geheilten vor, den Jesus wieder auf die Beine bringt. Die Folgen seiner Heilung heißen in biblischer Sprache „Heiligung“. Damit sind die neuen Kleidungsstücke der Vergebung gemeint, die der Epheserbrief präsentiert. Wie ein guter Verkäufer preist er sie an. Und der frisch Genesene sitzt mit uns in der Modenschau und guckt sich das an. Das passt zu dir!

Hut ab, wenn du Vergebung übst. Das geht ja auch nicht ohne Übung. Dein Übungsleiter ist Gott selbst wie es im Vaterunser heißt: Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

In diesem Sinne, liebe Gemeinde, bleiben Sie schick angezogen in diesem kalten Herbst, in der Garderobe des neuen Menschen!

Amen.

 

* Elke Heidenreich: MÄNNER IN KAMELHAAR-MÄNTELN Kurze Geschichten über Kleider und Leute, 1. Auflage 2020ISBN 978-3-446-26838-8© 2020 Carl Hanser Verlag GmbH & Co KG, München